News - March 22, 2020

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Eine krise, der man sich stellt, wird zum abenteuer

Written by Bertrand Piccard 5 min read

Was machen wir aus der aktuellen Krise? Werden wir still darunter leiden oder etwas daraus lernen?

Inmitten der Corona-Krise habe ich diese Aufnahme herausgesucht, die am Ende meiner Weltumrundung mit dem Heißluftballon gemacht wurde. Sie zeigt ein Bullauge der Kapsel der Breitling Orbiter 3, auf dem man die Eiskristalle sieht, die der Morgentau hinterlassen hat. Aber was ist wohl dahinter? Ein wunderbarer Sonnenaufgang, der aber nur zu sehen ist, wenn man das Eis durchbricht.

Genau davor haben wir in einer Krise Angst. Wenn zu viel Eis, zu viele Probleme und zu viele Ängste uns umtreiben, ziehen wir es oft vor, auf dieser, uns bekannten Seite des Eises still zu leiden, als das Risiko einzugehen, einen Blick auf die andere Seite zu wagen.

Fragen Sie sich auch, warum? Es liegt daran, dass wir in unseren Gewohnheiten und sicheren Einstellungen gefangen sind und Mühe haben, die Welt anders zu betrachten als durch einen von uns selbst entworfenen Filter. Wir verabscheuen Krisen, weil sie uns auf brutale Art und Weise aus den Automatismen reißen, in denen wir es uns gemütlich gemacht haben. 

Was sollen wir also tun? Man könnte sagen, dass die Krise dazu dient, uns zu zerstören und uns – abgeschnitten von einem weitreichenderen Verständnis – noch mehr Leid zuzufügen. Wir könnten aber auch sagen, dass das Leben uns plötzlich zwingt, uns in Frage zu stellen und den Autopiloten auszuschalten, damit wir unser Schicksal bewusster in unsere Hände nehmen. Wir haben keine Wahl, was das Leben für uns bereithält, aber wir haben eine Wahl, was wir daraus machen. Eine Krise, der wir uns stellen, wird zu einem Abenteuer. Ein Abenteuer mit vielen Unbekannten, zahlreichen Rückschlägen, starken Emotionen und verschiedenen Lehren. Ein Abenteuer, dem wir uns nicht stellen, bleibt jedoch eine Krise voller Leid und Hoffnungslosigkeit.

Hängt der Ausgang einer Krise wirklich von der Entscheidung ab, die wir treffen? Ich denke schon. Natürlich bleiben wir lieber in der Komfortzone unseres Alltags und ich sage nicht, dass wir uns über den Ausbruch einer Krise freuen sollten. Aber wenn wir mit einer Krise konfrontiert werden, dann müssen wir etwas unternehmen. Deshalb zitiere ich in diesen Tagen häufig den Satz der stoischen Philosophen:

«Gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, den Mut, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Es gibt also aktuell nicht mehr Platz für Fatalismus als für Stress. Eine fatalistische Haltung besteht darin, zu akzeptieren, was man ändern könnte, ohne dafür zu kämpfen, dies zu vermeiden. Stress hingegen entsteht dann, wenn wir unablässig versuchen, Dinge zu ändern, die wir nicht ändern können. Um Vergangenes zu trauern oder über einen Verlust hinwegzukommen zeugt von einer aktiven Entscheidung, das Unumkehrbare zu akzeptieren. Dies ist alles andere als eine fatalistische Haltung.

In diesem Sinn können wir die aktuelle Epidemie natürlich nicht verändern, aber wir können uns ändern. 

Die «Winde des Lebens», also alles, was wir nicht unter Kontrolle haben und nicht bewusst entscheiden können, tragen uns wie ein vom Jetstream getriebener Ballon in unbekannte Gefilde. Wir schaffen es nicht, unsere Richtung zu ändern, wenn wir immer auf derselben Flughöhe bleiben. Das erste, was man beim Lenken eines Heißluftballons lernt, ist, dass die Atmosphäre aus sehr verschiedenen meteorologischen Schichten besteht, die alle eine andere Richtung und eine andere Geschwindigkeit vorgeben.

Es geht also darum, die jeweils richtige Flughöhe zu finden. Dafür muss man aber Ballast abwerfen.

Bei den Winden des Lebens ist es genauso: Wir müssen lernen, die richtige Flughöhe zu finden – psychologisch, philosophisch und spirituell. Wir müssen uns für andere Sichtweisen auf die Welt öffnen, um die Strömungen, Einflüsse und Lösungen zu finden, die uns die richtige Richtung weisen. Der Ballast, den wir abwerfen müssen, um aufzusteigen, besteht paradoxerweise aus allem, von dem wir fälschlicherweise glauben, dass wir es bewahren müssen: unsere Sicherheiten, Gewohnheiten, Vorurteile, Glaubenslehren, Überzeugungen, Dogmen und andere Paradigmen.

Eine Krise als Chance zu betrachten fängt also damit an, sich für unsere Antworten, Reaktionen und Entscheidungen das genaue Gegenteil dessen vorzustellen, was wir bisher gelernt haben, zu tun und zu denken. Wir müssen uns von unseren Automatismen befreien, um uns bewusst zu machen, dass wir an einem entscheidenden Punkt unserer Existenz angelangt sind. Alles hängt davon ab, auf welche Art und Weise – alt oder neu – wir das Leben verstehen. Wir müssen kreativer und offener für andere Denkweisen werden. In diesem Sinne müssen wir auch offener für andere, für uns selbst und das Leben an sich werden. Wir müssen die wichtigen Werte unseres Daseins ins Zentrum unserer Prioritäten rücken. Die Krise muss dazu führen, dass wir anschließend besser werden, sonst ist sie völlig sinnlos. 

Bei der Betrachtung unserer Welt, die derzeit so extrem unter der Corona-Epidemie leidet, sollten wir uns die Frage stellen, welchen Ballast wir abwerfen sollen? Die weltweite gegenseitige Abhängigkeit, die es einer Epidemie erst ermöglicht, sich aufgrund übermäßiger Reise- und Transportaktivitäten innerhalb weniger Wochen zu verbreiten? Die Wegwerfkultur, die jeglichen Respekt vermissen lässt? Den kurzfristigen Profitrausch auf Kosten der Nachhaltigkeit? Die Zerstörung von Humankapital und natürlichen Ressourcen, die zu inakzeptabler Ungleichheit und einer immer stickiger werdenden Atmosphäre führt? Was wollen wir wirklich bewahren? 

Und was ist mit dem Ballast in unserem eigenen Leben? Die materielle Bindung an unser Leben? Besitz und Bereicherung vor Lebensqualität und Solidarität? Haben auf Kosten von Sein? Die Suche nach der sofortigen Befriedigung zulasten des Wesentlichen? Vielleicht ist das der Ballast, den es gilt, über Bord zu werfen? So finden wir vielleicht die richtige Flughöhe, auf der wir die immateriellen Werte von Güte, Weisheit und Mitgefühl wieder in den Mittelpunkt stellen können. Ist eine Krise nicht sogar fast wünschenswert, um wieder ein wenig Menschlichkeit in eine degenerierende Welt zu bringen? 

Aber unabhängig davon, welche Lehren wir aus der Krise ziehen, ist klar, dass wir alle darunter leiden werden. Wir werden alle mit Todesfällen, Verlusten, Enttäuschungen und Ängsten umgehen müssen. Besteht die richtige Flughöhe nicht letztlich darin zuzugeben, dass wir den wahren Sinn unseres Daseins auf der Erde nicht kennen und diese Zeit der Isolation uns eine Gelegenheit bietet, diesen Sinn in Ruhe und abseits der ohrenbetäubenden Hektik der alltäglichen Routine zu suchen? 

Written by Bertrand Piccard on March 22, 2020

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