Insights — June 21, 2019

Verursachen Fluggesellschaften ihren eigenen Crash?

Flugzeugflügel

Written by Bertrand Piccard 3 min read

Die Schlinge zieht sich immer enger um den Luftverkehr und nur die Fluggesellschaften selbst können diese lockern. Sie würden letztlich viel gewinnen, wenn sie den Wandel aktiv mitgestalten, anstatt sich nur als Opfer darzustellen. Wann werden Fluggesellschaften dies endlich begreifen?

Es gibt zwei Möglichkeiten, auf Gegenwind zu reagieren: Man widersetzt sich ihm so lange wie möglich oder man versucht, sich diesen zunutze zu machen und ihn zu kontrollieren.

Sich etwa widersetzen, wie Kodak im Angesicht der digitalen Entwicklung der Fotografie bis hin zur völligen Auflösung des Unternehmens in einer kolossalen Pleite; sich widersetzen, wie die Schweizer Banken in den 1990er-Jahren im Angesicht der Forderungen des Jüdischen Weltkongresses nach Entschädigungen bis hin zu einer Verurteilung von Strafzahlungen in Milliardenhöhe; sich widersetzen, wie die Automobilhersteller im Angesicht von Elektrofahrzeugen, um bis heute dem Erfolg von Tesla hinterherzulaufen, ohne dessen Vorsprung je aufzuholen. Sie alle haben sich widersetzt, ohne zu verstehen, dass genau dieses Verhalten zu ihren Verlusten geführt hat.

Eine andere Einstellung ist es, den Wandel wie ein großer Stratege anzunehmen, der dem Leben immer einen Schritt voraus ist und den Fortschritt in eine für ihn günstige Richtung lenkt. Wenn Fluggesellschaften dies verstanden hätten, würden sie nicht zögern, eine CO2-Kompensation auf jedes verkaufte Flugticket zu erheben. Jetzt fragen Sie sich, warum? Weil die Klimastreiks und das Beispiel von Greta Thunberg die Jugend mobilisiert und so ein neues Phänomen ausgelöst haben: die sogenannte «Flugscham» (Übersetzung des schwedischen Begriffs Flygskam). In bestimmten Regionen sind bereits erste Auswirkungen auf die Flugauslastung spürbar. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, da zahlreiche Politiker in Europa mittlerweile ein Verbot nationaler Flugverbindungen zugunsten der Bahn unterstützen. Einige Länder wie die USA, Brasilien, Japan, Norwegen oder auch die Schweiz haben bereits damit begonnen, auf Inlandsflügen Kerosin zu besteuern. In Frankreich war genau dies eine der Forderungen der «Gelbwesten»: Wie könne es sein, dass Menschen, die für den Mindestlohn arbeiten, mit einer Besteuerung von Diesel und Benzin weiter belastet werden, während die Luftfahrtindustrie weiter in den Genuss von Steuervorteilen kommt?

Heute ist klar, dass es keinen globalen Konsens braucht, um zu handeln. Man kann bereits auf nationaler Ebene beginnen. Flugzeuge müssen auch in Ländern betankt werden, in denen eine Kerosinsteuer erhoben wird, denn es ist deutlich teurer, Treibstoff für den Rückflug bereits auf dem Hinflug mitzuführen. Ich glaube außerdem keine Sekunde an das Argument pessimistischer Stimmen, die sagen, dass die Passagiere für billigere Flüge ins Ausland ausweichen werden, denn der Weg zu einem ausländischen Flughafen ist deutlich teurer als die wenigen eingesparten Euros.

Worum geht es also? Soll man sich – solange es geht – widersetzen, mit dem Risiko, als unverantwortlicher Umweltsünder zu gelten und Marktanteile an andere Transportmittel zu verlieren, oder sollte man sich nicht im Gegenteil voll und ganz des Problems annehmen? Durch einen einfachen Verwaltungsentscheid könnte die Luftfahrtindustrie sehr wohl ihre kompletten CO2-Emissionen kompensieren. Diese Kompensation würde zur Finanzierung der Reduzierung von Emissionen in anderen Sektoren dienen, wo dies leichter umzusetzen ist, wie beispielsweise bei der Sanierung alter Fabriken, beim Ersatz von Kohle- durch Gaskraftwerke, der Wiederaufforstung bzw. der Einrichtung von Solar- und Windparks. Es existieren bereits Organisationen, die Fluggäste auffordern, ihre CO2-Emissionen auf freiwilliger Basis zu kompensieren, aber dies reicht natürlich bei Weitem nicht aus. Es ist dringend notwendig, dass Fluggesellschaften in diesem Zusammenhang selbst umfassend aktiv werden.

Was würde es diese Unternehmen kosten? Von vier Euro für einen Fluggast in der Economy-Klasse auf einem innereuropäischen Flug bis zu 200 Euro für einen transatlantischen Flug in der Business-Klasse. Aufgrund der geringen Margen müssten die Fluggesellschaften einen Teil dieser Beträge auf den Flugpreis aufschlagen, was jedoch völlig unbemerkt bliebe, wenn man berücksichtigt, dass die Preise mitunter bis um das Fünffache steigen, je nachdem, wann und wo man ein Ticket kauft. Wer würde schon einen CO2-Ausgleich von vier Euro bemerken, wenn zwei Passagiere desselben Flugs 25 Euro bzw. 250 Euro für ihr Ticket bezahlt haben?

Aber genau auf diese Art würden Fluggesellschaften als verantwortungsbewusste Unternehmen wahrgenommen, die darüber hinaus auch das schlechte Gewissen ihrer Kunden beruhigen. Es gibt wohl kein besseres Marketinginstrument! Die Luftfahrtindustrie würde nicht mehr nur als Umweltsünder dastehen, sondern sie würde sich aktiv für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen, in dem jeder Einzelne seinen Teil der Verantwortung tragen muss.

Natürlich muss diese Vorgehensweise von einer Reduzierung der Emissionen in der Luftfahrtindustrie flankiert werden. Es ist notwendig, kontinuierlich in die Weiterentwicklung leichterer Materialien und leistungsstärkerer Motoren bzw. Hybrid-Motoren sowie in Biotreibstoffe und die Verbesserung der Flugpläne zu investieren, um den Verbrauch jedes einzelnen Flugs zu reduzieren. Mir ist natürlich bewusst, dass es nicht möglich ist, wie Solar Impulse ohne ein einziges Gramm CO2 zu fliegen. In diesem Punkt hat die Industrie bereits viel erreicht, denn heute verursacht ein Flug nur noch halb so viel CO2 wie noch vor 30 Jahren. Aber wir müssen noch weiter gehen: Für alle übrigen Emissionen muss die CO2-Kompensation es den Fluggesellschaften ermöglichen, ihre Auswirkungen auf den Planeten zu neutralisieren.

Die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) behauptet, dass sie schon 2017 mit dem System CORSIA eine Führungsrolle übernommen hat. Worum geht es dabei? Es geht darum, die Emissionen der Luftfahrtindustrie auf dem Niveau von 2020 zu deckeln und nur den Teil zu kompensieren, der über dieses Niveau hinausgeht. Ja, Sie haben richtig gelesen. Während alle Länder sich darum bemühen, ihre Emissionen auf das Niveau von 1990 zu reduzieren, legt die ICAO ein Referenzdatum in der Zukunft fest und ermöglicht es somit, weiter Emissionen auszustoßen und auf diesem Niveau zu verharren. Was für ein als verantwortungsbewusstes Handeln getarnter Taschenspielertrick.

Ich fliege sehr viel und mir gefällt diese Art zu reisen. Ich kompensiere freiwillig die CO2-Emissionen meiner Flüge. Dieses bisher jedoch eher sporadische Verhalten von Fluggästen sollte für die Fluggesellschaften zur Norm werden. Wenn die Luftfahrtindustrie weiterhin versucht, trocken durch den Regen zu kommen, wird sie sich eines Tages mitten in einem Gewitter wiederfinden. Die «Flugscham» wird sie immer teurer zu stehen kommen, regulatorische Änderungen werden sie nicht verschonen und die Regierungen werden Abgaben erheben, zu denen sie sich selbst nicht verpflichten konnte. Bis dahin wird sie eine Menge Zeit, Geld und Sympathien verloren haben. Und im Gegenzug werden wir weiter unzählige Tonnen an CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen haben.

Bertrand Piccard, Präsident der Solar Impulse Foundation

Written by Bertrand Piccard on June 21, 2019

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