News — September 26, 2019

Sind wir wirklich Kapitalisten?

Written by Bertrand Piccard 3 min read

Der Kapitalismus, der die globalen Märkte in den letzten 50 Jahren beherrscht hat, wird wie nie zuvor in Frage gestellt. Wenngleich in der letzten Generation über eine Milliarde Menschen den Weg aus der Armut gefunden haben, hat unser ökonomisches System gleichermaßen zu wachsender Ungleichheit, vermehrten sozialen Unruhen und größerer politischer Instabilität beigetragen und uns an den Rand einer Klimakatastrophe geführt, die alle anderen Probleme weiter verschärfen wird.

Beim letzten G7-Gipfel in Biarritz habe ich den Staats- und Regierungschefs gesagt, dass etwas in unserem ökonomischen System falsch gelaufen ist. Kapitalismus bedeutet eigentlich, Kapital zu vermehren, aber wir tun heute genau das Gegenteil: Wir höhlen die Grundlagen, auf denen unser Wohlstand beruht, aus. Wir zerstören unser natürliches Kapital durch die ineffiziente Nutzung natürlicher Ressourcen, die Verschmutzung der Luft und der Meere sowie die Erosion unserer Böden. Und wir ruinieren unser Humankapital durch immer geringere Löhne, die für viele Menschen nicht mehr ausreichen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Seit den 1970er-Jahren haben wir eine Form des Kapitalismus angenommen, in dessen Rahmen wachsende finanzielle Erträge das beste Mittel sind, mit dem Unternehmen zu einer besseren Gesellschaft beitragen können. Das ökonomische System konzentriert sich so aber nur auf den unmittelbar nächsten Schritt und nicht auf eine langfristige Entwicklung. Dieses Modell ist eindeutig unvollständig und wir sehen erste Anzeichen für einen Wandel.

Im letzten Monat haben sich 181 CEOs der größten US-amerikanischen Unternehmen geeinigt, die Definition der Rolle ihrer Unternehmen zu ändern. Sie haben erklärt, dass sie sich nicht länger allein der Gewinnmaximierung für die Anteilseigner (auch bekannt unter dem Konzept „Shareholder Primacy“) verschreiben wollen, sondern vielmehr im Dienste aller Interessenträger, einschließlich der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Kunden und der Gesellschaft als Ganzes, stehen wollen.

Genau wie ihre amerikanischen Kollegen haben 99 französische Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von 1,650 Mrd. Euro und 6 Mio. Angestellten weltweit beim Jahrestreffen französischer Unternehmen („La rencontre des Entrepreneurs de France“, REF) den „French Business Climate Pledge“ unterzeichnet und sich so verpflichtet, 73 Mrd. Euro in CO2-arme Technologien zu investieren, um ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Beim G7-Gipfel wurde außerdem eine Koalition internationaler Unternehmen bekanntgegeben, die sich für inklusives Wachstum einsetzt; eine weitere bemüht sich um die Reduzierung der Auswirkungen auf die Umwelt in der Modeindustrie. Ähnliche Initiativen existieren bereits in anderen Sektoren und manche Unternehmen gehen eigene ambitionierte Verpflichtungen ein: Maersk, die Mahindra-Gruppe, IKEA und Nestlé sind Beispiele für Unternehmen, die sich verpflichtet haben, CO2-neutral oder sogar „klimapositiv“ zu werden. In all diesen Firmen muss sich kurzfristiges Wachstum mittlerweile einer Vision, die Nachhaltigkeit in das Geschäftsmodell integriert, unterordnen.

Politiker müssen diese Zeichen erkennen und die Gelegenheit nutzen, diese Bemühungen zu konsolidieren und ambitionierte Regeln aufzustellen, mit denen diese Unternehmen ihre Ziele erreichen können.

Deshalb müssen wir einen neuen Blick auf die treuhänderische Pflicht werfen – dabei handelt es sich um die rechtliche Verpflichtung, mit der sichergestellt wird, dass diejenigen, die das Geld anderer Menschen verwalten, allein im Interesse der Begünstigten handeln. Die treuhänderische Pflicht, wie sie heute definiert ist, hat erst zu einer rechtlichen Institutionalisierung der Gier geführt. Sie hat selbst die ökologischsten und sozial verantwortungsbewusstesten CEOs und Investoren in eine Spirale aus Gewinndiktat und kurzfristiger Entscheidungsfindung hineingezogen. Wenn diese Pflicht unter Berücksichtigung ethischer, ökologischer und sozialer Kriterien (Environmental, Social, Governance, ESG) überarbeitet wird, stünden CEOs die Mittel und die Flexibilität zur Verfügung, ihren gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen Rechnung zu tragen und Entscheidungen zu treffen, die dem Unternehmen über den nächsten Anruf des Investors hinaus helfen.

Ein Unternehmen oder Investor des 21. Jahrhunderts sollte nur dann in der Lage sein zu wachsen, wenn ökologische und gesellschaftliche Verpflichtungen eingehalten werden. Die Überarbeitung der treuhänderischen Pflicht unter Berücksichtigung dieser Kriterien ist entscheidend für unseren langfristigen Wohlstand und die Vermeidung der schlimmsten Folgen der Klimakrise. Sie ist ein wichtiges Beispiel für eine Regel, die an die aktuellen Gegebenheiten unserer Zeit angepasst werden muss.

Wir brauchen Regeln, die über unsere herkömmlichen Denk- und Handlungsweisen hinausgehen und uns zwingen, in die Zukunft zu blicken. Deshalb müssen die Regeln aktualisiert werden, damit Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften wollen, unterstützt werden können und Firmen, die sich dem Wandel widersetzen, gezwungen werden, sich zu verändern.

Wenn Unternehmen eine Vorreiterrolle übernehmen und spontane Verpflichtungen ohne entsprechende Regeln eingehen, wird die Wettbewerbsfähigkeit und somit der Fortbestand der gesamten Industrie gefährdet. Wenn Regierungen nicht entsprechend reagieren, laufen wir Gefahr, dass Unternehmen bei Schwierigkeiten wieder zum „business as usual“ zurückkehren.

Der Weg in eine CO2-freie Wirtschaft ist zweifellos voller Herausforderungen. Aber mit den richtigen Maßnahmen können wir sicherstellen, dass eine Rückkehr zu alten Verhaltensmustern keine Alternative mehr ist.

Sollten wir erfolgreich sein, werden wir es schließlich schaffen, Kapitalismus richtig zu interpretieren.

Written by Bertrand Piccard on September 26, 2019

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